– «Ich finds nicht schlimm verrückt zu sein» Autismus ist keine Krankheit, sondern eine besondere Art des Seins

Autismus ist keine Krankheit, sondern eine besondere Art des Seins, erklärt der französische Autist und Autor Josef Schovanec im Interview. Und er sagt, was ihm an den scheinbar normalen Menschen komisch vorkommt.

 

«Wenn Eltern mit einem autistischen Kind einen Arzt suchen, ist das noch immer wie russisches Roulette», sagt Josef Schovanec. (Genf, 25. 11. 2015) (Bild: Anna Pizzolante)

 

NZZ am Sonntag: Sie schreiben in Ihrem Buch: «Wer mich zum ersten Mal trifft, hält mich für absolut idiotisch.» Warum denken Sie das?

Josef Schovanec: Wenn ich spreche, habe ich den Eindruck, dass meine Stimme normal ist. Erst wenn ich Tonaufnahmen von mir höre, merke ich, wie unnatürlich ich klinge. Dann verstehe ich, warum manche Leute sagen, ich wirke seltsam auf sie. Mir geht es aber darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der Menschen, die anders sind, besser akzeptiert werden. In der Präambel der Verfassung Ihres Landes steht ein Satz, der mein Anliegen sehr schön auf den Punkt bringt: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.»

Wenn Sie die Welt der anderen, der sogenannten normalen Menschen anschauen: Was kommt Ihnen da komisch vor?

So ziemlich alles. Sehr viele Menschen streben nach Macht und Geld, das finde ich überaus komisch. Ich bin Leuten begegnet, die während 17 Stunden eines Tages nur daran denken, wie sie einmal zum Chef oder hochrangigen Politiker werden können. Solche Menschen zu beobachten, ist für mich so spannend, wie in einen Zoo zu gehen. Oder ein anderes Beispiel: Seit einem Jahr mache ich kleine Beiträge für eine Sendung im französischen Radio. Meine Kollegen warten dann jeweils total gespannt auf die Hörerzahlen. Welche Rolle spielt das? Die Wahrheit braucht doch keine Anhänger, sie bleibt bestehen, auch wenn nur eine einzige Person sie kennt.

Wer ist eher «verrückt»: Sie oder die andern?

Vielleicht alle, und das ist gut so. Ich finde es nicht schlimm, verrückt zu sein. Fast alle grossen Künstler oder Wissenschafter waren in einem gewissen Sinne verrückt. Vor ein paar Jahren war ich in Dublin an einer Computerkonferenz. Im Raum waren lauter Leute, die die Geschichte der elektronischen Datenverarbeitung geprägt haben, unter ihnen jener Typ, der die erste E-Mail verschickt hatte. Das war wie in einem Tollhaus, aber solche Leute braucht es.

Wann hatten Sie als Kind zum ersten Mal das Gefühl, dass Sie anders waren als die andern?

Ich glaube, ich hatte nie den Eindruck, normal zu sein. Kinder mit Autismus sind nicht dumm, aber sowohl das Kind selbst als auch die Eltern merken schnell, dass etwas schiefläuft. Wenn die anderen Kinder in der Schule gespielt haben, bin ich immer am Rande der Gruppe geblieben. Allerdings habe ich nicht verstanden, weshalb das so war.

Sie haben erst spät, im Alter von 22 Jahren, die Diagnose «Asperger-Autist» bekommen: Wie haben Sie diesen Moment empfunden?

Eindeutig als Erleichterung, weil ich dann endlich wusste, dass ich nicht geisteskrank bin. Vorher dachten die Ärzte, ich hätte Schizophrenie. Deshalb verschrieben sie mir ein paar Jahre lang Neuroleptika, unter deren Nebenwirkungen ich stark gelitten habe. Zuerst funktionierte nur das Nachdenken über komplizierte Dinge nicht mehr, dann auch jenes über sehr viel Einfacheres. Als die Dosis erhöht wurde, kam es zu neurologischen Nebenwirkungen. Ein- bis zweimal täglich verkrampfte sich meine ganze Rückenmuskulatur gewaltig. Und meine Kiefer wurden in unerträglichen Stellungen blockiert.

Eine frühere Diagnose hätte Ihnen also einiges ersparen können?

Eine gute Diagnose ist eine frühe Diagnose – im Alter von einem Jahr oder sogar noch früher. Aber mein Beispiel zeigt auch, dass die Lage nie verzweifelt ist und dass man im Leben immer viel lernen kann: Vor dreizehn Jahren war es für mich eine riesige Reise, vier Minuten mit dem Bus unterwegs zu sein. Inzwischen habe ich gelernt, sogar nach Iran oder Pakistan zu reisen.

 (Bild: Anna Pizzolante)

 

Dies war ein Auszug vom Artikel der NZZ. Ganzer Artikel auf der Originalseite der NZZ

Quelle: Neue Zürcher Zeitung NZZ

 

 

Posted in Allgemein, News und Infos zum Thema Autismus.