– N#MMER: Für Autisten + AD(H)Sler

Für Denise Linke war die Diagnose Autismus eine Erleichterung. Erschreckend fand sie etwas ganz anderes: wie viele den Begriff als Schimpfwort nutzen. Heute gibt sie Menschen eine Stimme, denen man bislang nicht zutraute, eine zu haben. Mit einem Magazin. Von Autisten für Autisten – und alle anderen.

 

Fragt man Denise Linke, wie ihre Woche so war, dann zückt sie ihr Handy und rechnet los. Gestern habe sie, Moment, in 25 Minuten 103 Kartons 44 Stufen hoch getragen. Eine Freundin half, die schleppte pro Gang fünf Kartons, sie selbst schaffte immer nur vier, „ein Karton wiegt 7,8 Kilo, vier Kartons wiegen also 31 Kilo und ich selbst nur 45 Kilo“. Und heute gehe es weiter, da müsse sie 493 Etiketten kleben.

Dass Denise Linke gut mit Zahlen umgehen kann, entspricht ganz dem Klischee. Schließlich ist sie Autistin. Doch warum sie mit all diesen Zahlen hantiert, passt so gar nicht ins gängige Bild. Linke, 25, will nicht still und zurückgezogen leben, sie hat etwas zu sagen und deshalb gibt sie eine Zeitschrift heraus.

 

Augenkontakt zu halten hat sie trainiert

Unfähigkeit zu sozialer Interaktion. Stereotype Verhaltensweisen. Fehlendes Interesse an der Umgebung. Immer wieder werden diese Eigenschaften als autistische Merkmale genannt. Denise Linke, platinblonde Haare, mit Pailletten besetzte Jacke, schaut ihrem Gegenüber beim Sprechen in die Augen, erzählt von ihrer Reise nach New York, war gerade noch um die Ecke beim Friseur. Ja, geht das denn? Reisen, Gespräche, Berührungen?

Augenkontakt zu halten hat Denise Linke gelernt, nachdem Menschen ihr immer wieder unterstellt haben, dass sie lüge – und das nur, weil sie wie die meisten Autisten lieber auf den Boden schaut als anderen ins Gesicht. Den Friseur, bei dem sie war, kennt sie so gut, dass sie ihn als Freund bezeichnet. Und in New York ist sie vor allem nachts unterwegs gewesen, wenn die Stadt ein wenig zur Ruhe gekommen war.

Der Eindruck, dass Denise Linke so lebt wie alle anderen, stimmt also nur auf den ersten Blick. Was Nicht-Autisten mühelos tun, kostet Linke Anstrengung. Allerdings würden viele Autisten eine Reise nach New York gar nicht erst antreten. Und genau das – die Tatsache, dass die Bezeichnung einerseits ein breites Spektrum umfasst und sich andererseits viele Betroffene scheinbar normales Verhalten antrainiert haben – stiftet Verwirrung.

 

„Nummer“ heißt ihr Magazin. In Anspielung auf ein Klischee

Was ist Autismus denn nun? Eine Krankheit? Eine Behinderung? Ein Bündel an Eigenschaften? Oder, wie es im ICD-10, dem internationalen medizinischen Klassifikationssystem heißt, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung?

Auch über die Auslöser wird seit Jahrzehnten diskutiert, mal waren gefühlskalte Mütter schuld, mal Luftverschmutzung, mal Impfungen. Heute gehen seriöse Forscher davon aus, dass ein Gendefekt verantwortlich ist. Aber selbst die Diagnosestellung ist kompliziert. Für Autismus gibt es keinen Bluttest und keine Checkliste. Und so wusste Denise Linke zum Beispiel lange gar nicht, dass sie Autistin ist. Bis sie eines Tages, sie war 21 Jahre alt, wieder mal das tat, was ihre Freunde so gerne machten: Zusammen in einem überfüllten Zimmer sitzen und laut palavern. Als dann noch ein Krankenwagen vorbeifuhr, hielt Linke sich unwillkürlich die Ohren zu. „Wann hast du deine Diagnose eigentlich bekommen?“, fragte ein Bekannter. Denise Linke schaute ihn verständnislos an. Als sie auf sein Anraten schließlich zu einer Ärztin ging, nahm sie ein ausgedrucktes Worddokument mit. „99 Dinge, die mir an mir selbst aufgefallen sind“. Einsortiert in verschiedene Kategorien. Genau das, fast zwanghaftes Auflisten und Ordnen, verbunden mit der Angst, im direkten Gespräch etwas zu vergessen, ist ziemlich typisch. Das Gespräch mit der Ärztin dauerte dann noch mehrere Stunden, das Ergebnis: Asperger, eine milde Form des Autismus. Außerdem hat Linke ADHS, eine Paarung, die oft auftritt.

Dies war ein kurzer Auszug aus dem Originalartikel. Den ganzen Text/Artikel finden Sie hier:
Quelle: Tagesspiegel

 

 

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